Die Kosse – Eine kleine Geschichte aus der Heimat, von Gerd Lau
Es muss im Jahre 1944 gewesen sein, also das letzte Jahr in der alten Heimat. Wir hatten im Stall eine Ziege, die – wie ich mich erinnere – schneeweiß war und Hörner hatte. Eines Tages war es soweit: die Ziege musste zum Bock. Der aber war im Dorf, in Pr. Rosengart. Aber guten Mutes machten wir, meine Cousine aus Elbing (schon eine verheiratete Frau), mein Bruder Hans (damals 12) und ich, uns auf den Weg.
Wir gingen, glaube ich, den Landweg durch, kürzten dadurch einen Teil der Strecke ab und kamen auch gut mit der Ziege beim Bock und seinem Besitzer an. Der Bock waltete seines Amtes. Die Ziege sollte eigentlich zufrieden sein, und wir wollten den Heimweg antreten. Doch wir hatten nicht mit unserer Kosse gerechnet! Sie war nicht bereit, auch nur einen Meter zu gehen.
Ob es ihr bei ihrem männlichen Artgenossen so gut gefallen hatte oder ob sie einfach nur nicht mehr allein sein wollte – wer weiß; jedenfalls gehen wollte sie nicht.
Wir versuchten es mit guten Worten, mit Schimpfen oder sie einfach weiterzuschieben – alles ohne Erfolg.
Die Zeit verging, es wurde schon langsam dunkel und wir hatten erst wenige Meter zurückgelegt. Gute Ratschläge von vorbeigehenden Leuten erhielten wir, aber nichts zu machen, die Kosse machte sich auf allen vier Beinen steif und bewegte sich höchstens um Zentimeter.
Ich als der Jüngste, damals ja erst 8 Jahre alt, bekam langsam Angst. Bald würde es dunkel und wie weit ist es noch bis zur Schiffsbrücke? Wir kamen nicht vorwärts.
Da kam uns schließlich die rettende Idee: wir sollten uns einen Handwagen borgen und die Kosse einfach aufladen. Gesagt, getan; mein Bruder wusste, dass einer seiner Schulkameraden einen Handwagen hatte und den bekamen wir auch geborgt.
Aber wie die Ziege auf die Ladefläche stellen?
Immer wenn wir meinten, sie wäre oben, sprang das Biest wieder herunter und versuchte uns dabei auch noch zu stoßen… Nach vielen Mühen schafften wir es schließlich doch. Die Kosse stand auf dem Wagen und einer zog und zwei hielten das störrische Tier fest. Unterwegs trampelte die Ziege und trat dabei in die inzwischen eingekauften Lebensmittel der Cousine! Die Tüten gingen kaputt und Salz mit Mehl, dazwischen auch Zucker, vermischten sich.
Es war zwischenzeitlich dunkel geworden, als wir mit unserem Transport jetzt über die Straße in Richtung Schiffbrücke rollten. Verwunderte Blicke streiften uns von Menschen, die uns entgegenkamen. Die weiße Kosse in der Dunkelheit auf dem Wagen und zwei Kinder sowie eine Frau, die sich alle bemühten, dass das Tier nicht heruntersprang!
Es muss schon reichlich spät gewesen sein, als wir schließlich zu Hause ankamen. Unsere Mutter wartete schon sorgenvoll am Gartenzaun und war heilfroh, dass wir dann doch noch wohlbehalten – wenn auch sehr spät – eintrafen.
Mutter schimpfte mit der Ziege und siehe da: sie erkannte die Stimme ihres Herrn oder besser Herrin. Die Kosse trottete fast reumütig, so schien mir, in ihren Stall.