Fluchterlebnisse – von Heinrich Heinrichs (1954)
Unsere Heimatgemeinde, Pr. Rosengart war wunderbar und fruchtbar zwischen zwei Armen des Thiene-Flusses gelegen und zählte ca. 280 Personen, welche am 24. Januar von den Russen überrascht wurden. Am Abend des 24. Januar wurden Vorausabteilungen der Russen auf der Kreisstraße Thiergartsfelde-Thiergart an der Schiffsbrücke gesichtet.
Durch die heillose Verwirrung der Kreisleitung bekamen wir erst durch den Ortsgruppenleiter um 19 Uhr Bescheid, uns für 22 Uhr am Dorfkrug einzufinden, von wo der Abmarsch des Trecks erfolgen sollte. Die letzten auswärtigen Trecks waren Richtung Thiergart um 16 Uhr durchgefahren. Eine Überrumpelung der Trecks hat deshalb bei uns nicht stattgefunden.
Als sich unser Teiltreck des Dorfes in Richtung Kreisstraße Thiergart-Grunau in mondheller Nacht um 20 Uhr bei Frostwetter auf den Weg machte, wurden wir ca. 100 Meter durch Warnschüsse (?) empfangen. Die unheilvolle Gefahr erkennend, kehrten wir zu unserem erst 300 Meter entfernten Ausgangsort zurück. Da wir uns eingekreist sahen, blieb uns nichts weiter übrig, als sich dem uns bevorstehenden grauenvollen Schicksal zu ergeben. Unser lieber Nachbar Bergmann, der eine halbe Stunde früher losgefahren war, geriet unverhofft den Russen in die Hände und wurde als Volkssturmmann sofort erschossen. In der Nacht zum 25. Januar schienen sich die Russen am Thienefluß festzusetzen, denn es blieb ruhig und so konnte sich der Treck in dem zwei Kilometer entfernten Dorf um 23 Uhr in Marsch setzen und ungestört das Dorf verlassen.
Am 25. Januar um 7 Uhr waren die ersten Russen der Vorausabteilung in unserem Haus (…). Um 10 Uhr kamen aus Richtung Thiergart Fußvolk in hellen Scharen, auch schwere Artillerie und Panzer und besetzten abwechselnd das Dorf. Letztere hatten in unserer Nähe Stellung bezogen und beschossen Elbing.
Am 25. Januar wurden die ersten furchtbaren Verwüstungen und Untaten bekannt: 21 Menschen waren ihnen zum Opfer gefallen: 8 durch Erschießen, 13 waren in ihren Häusern eingeschlossen und verbrannt worden. (…)
Durch Feuer wurden die Gebäude von den Gebrüdern Froese, Willy Dirksen und seiner Ehefrau Marie, geb. Franzen, Fritz und etliche Deputantenhäuser und später auch mein Wirtschaftsgebäude zerstört. 50 Personen waren nicht geflüchtet und fast ebenso viele kehrten im Laufe des Frühjahrs und Sommers, meistens aus Pommern, wieder in die Heimat zurück, um bald abermals furchtbar enttäuscht, weil sie nichts vorfanden, schwarz oder in Ausweisungstransporten die Heimat wieder zu verlassen.
Soviel mir bekannt ist, sind 3 Personen auf der Flucht gestorben, vier Jugendliche verschleppt und 8 Personen sind verhungert. Ins Straflager kam Erich Quapp, zuerst nach Marienburg, später nach Stuhm. Nach dem Westen durchgekommen ist Nachbar Willy Dirksen (später ausgewandert).
Nachdem im April/Mai 1945 die großen zusammengetriebenen Viehherden aus den umliegenden Dörfern von den Russen abgetrieben waren, und sich erst vereinzelt Polen in unsere Häuser eingebürgert hatten, wurde im Herbst die kommissarische Regierung gebildet und ein Wojewodschafts-Starost eingesetzt.
Ich bin über die Schilderungen von Herrn Heinrichs hinaus im Besitz eines Berichtes von Willy Illmann, dem ehemaligen Dorfschullehrer, der in großer Anschaulichkeit die Flucht in den Westen beschreibt. Bei Interesse kann ich Ihnen diesen als PDF-Datei zuschicken.

Bildverweis aus dem Dokument
BILD: Fluchtwagen
Fluchtwagen der Familie Pauls (von hinten: Inge, Tochter von Erika Meurer, geb. Pauls, Wolfgang, Sohn; Margot Neumann, geb. Pauls; Gertrud Pauls mit Baby Claudia, Tochter von Erika Meurer; Hans-Detlef Neumann; Regine Neumann – Frühjahr 1945)