Nach Kanada!, von Egon Epp (Februar 2007)

Unsere weitere Flucht führte uns in die Niederlausitz nach Finsterwalde. Das Jahr 1946 öffnete für uns einige Türen.

Onkel Bruno und Tante Clara bekamen Unterkunft und eine Werkstatt in Fürstlich Drena. So konnte Onkel Bruno wieder seinem Beruf als Stellmacher nachgehen. Meine Schwester Hannelore bekam eine Lehrstelle als Krankenschwester in Lauchhammer. Unsere Mutter und ich bekamen Arbeit und Unterkunft auf einem kleinen Bauernhof in Sallgast. Aber Kühe als Zugtiere waren wir nicht gewöhnt.

So war ich sehr froh, als ich am 1. Mai 1946 eine Lehrstelle als Bau- und Möbeltischler bei Meister Paul Grassmann, in Besdau, Kreis Luckau, bekam. Mutter zog nach Finsterwalde und arbeitete in einer Motorenfabrik. Es war für sie eine schwere Umstellung.

Die Jahre in Besdau vergingen sehr schnell. Schon am 23. April 1949 machte ich die Gesellen- prüfung und ging bald danach auf die Wanderschaft.

Am 23. August 1949 flüchtete ich schwarz über die Grenze bei Vienenburg nach West-Deutschland. Nach etwa zwei Wochen bei Verwandten und Bekannten landete ich in Bad Hönnigen am schönen deutschen Rhein in einem Durchgangslager. Bleiben konnte ich hier nicht, aber da ich Tischler von Beruf war, gab die Dame mir die Adresse einer Firma, die Arbeitskräfte suchte. So fand ich Arbeit in Remagen am Rhein und Unterkunft in Arweiler an der Ahr.

Aber ich blieb immer noch ein Flüchtling, jedoch war ich nicht der einzige.

In unserer Mennonitischen Kirche in Neuwied am Rhein sprachen einige vom Auswandern.

Aber wohin?

Nach Anfrage bei dem Mennonitischen Central Committee (MCC), konnten Reichsdeutsche 1950 nur nach Uruguay in die “Grüne Hölle”. Es sind auch eine ganze Reihe Westpreußischer Mennoniten dorthin ausgewandert, z.B. Hermann Dau, Eschenort.

Aber schon etwa zwei Jahre später konnten auch wir nach Kanada. Mit dem Antrag für die Aus- wanderung suchte das M.C.C. einen Bürgen in Kanada. Wer dieser Bürge nun war, und wo wir in Kanada wirklich hinkommen, erfuhren wir erst, als wir in Quebec ankamen.

Die Vorbereitungen zu der Auswanderung, wie medizinische Untersuchung, polizeiliches Führungszeugnis, wurden in wenigen Stunden Anfang April 1953 in Karlsruhe erledigt. Schwierigkeiten hatten wir keine. Wir hatten einen Beruf, waren gesund – was wollen sie noch mehr.

So segelten am 3. Juni 1953 vier Burschen vom Rhein; Heinz Hahn, Peter Krahn, Guenther Rahn und Egon Epp von Bremen mit der “Beaverbrae” nach Quebec City in Kanada. Die Reisekosten waren etwa $200.00, die vom M.C.C. vorausgezahlt wurden.

Am 13. Juni kamen wir in Quebec an. Nach der Zollabfertigung gingen wir zu einem bereitstehenden Zug, wo uns ein M.C.C.-Vertreter in Empfang nahm. Nun erfuhren wir, wo wir hinkommen sollten. Heinz Hahn kam nach Saskatchewan, Peter Krahn nach Winnipeg, Manitoba, und Guenther Rahn und ich nach Leamington in Ontario.

Am Sonntag den 14. Juni kam ich in Windsor, Ontario, an und wurde von meinem Farmer Jakob Fleming herzlich begrüßt. Das Erste an diesem Sonntag Nachmittag war ein Familienpicknick in einem Park am Erie See und das Besondere an diesem Tag – ich war kein Flüchtling mehr – jetzt war ich ein “Newcomer” und das waren alle in Kanada!

Hier in Leamington waren schon zwei Preußisch Rosengärter, die gerade ein Jahr früher ankamen. Es waren Walter und Guenter Froese. Walter ist schon 1989 gestorben. Auch im Westen Kanadas, in British Columbia, waren Erika Quapp und die Familie Willi Dirksen, die aus Preußisch Rosengart stammten.

Nach fast fünf Monaten auf der Tomatenfarm half mir mein Farmer bei der Suche nach einem festen Arbeitsplatz, den ich in einem Sägewerk im Nachbarort, Wheatley, fand.

Als wir im Juli 1955 mit Freunden die Niagara-Fälle und Niagara-on-the-Lake besuchten, entschloss ich mich gleich für diese Gegend. Auch hier waren schon eine Anzahl Westpreußischer Mennoniten. Die obstreiche Niederung am Ontario See, der Niagara-Strom, die Höhe, über der die Niagara Fälle fließen und die Grenze nach U.S.A., alles wie’s daheim war!

Hier heirateten Marianne Goertzen aus Usnitz, Kreis Stuhm, und ich im Jahre 1958. Wir haben vier Kinder und sieben Großkinder und wohnen nun schon über fünfzig Jahre in Niagara-on-the-Lake, Ontario, Kanada.