Auch ich möchte hier einige Gedanken ‘archivieren’, Gedanken an meine Großmutter, Elisabeth Lau, geb. Soth, die von 1903 bis 1983 gelebt hat.
Es sind sozusagen Erinnerungen aus zweiter Hand, denn ich (Jahrgang 1969) habe meine Oma natürlich erst lange Zeit nach der Flucht erlebt, als ältere Frau mit Haarnetz und Unmengen an Karbonaden oder Pfannkuchen, die sie für uns bereit hielt, wenn wir sie in Bremen besuchten. Wenn wir die Türschwelle ihrer Wohnung überschritten, fiel mein Vater unweigerlich ins Ostpreußische, was wiederum unweigerlich meine Mutter die Augen verdrehen ließ. Eines der wichtigsten Wörter meiner Oma war “Erbarmung” oder auch “Erbarmche”, genauso wie “Jungche” – Wörter eines aussterbenden Dialektes.
Etwas über ihre Vergangenheit:
Elisabeth Soth wurde am 21. März 1903 in Baumgarth, Kreis Stuhm, geboren. Ihre Eltern waren Caroline (geb. Siebert) und Karl August Soth. Mit bereits 14 Jahren begann sie zu arbeiten (sie ging ‘in Stellung’, sprich arbeitete als Haus- und Dienstmädchen bei ‘Herrschaften’) und mit nur 19 Jahren bekam sie ein uneheliches Kind, was zur damaligen Zeit eine ziemliche ‘Schande’ gewesen sein muss.
Sie lernte dann schließlich meinen Großvater, Johann Jakob Lau aus Kronsnest/Campenau, kennen, den sie 1931 in Baumgarth heiratete.
Das Paar zog dann nach Preußisch Rosengart und bekam zwei gemeinsame Söhne (Gerd und Hans). Johann arbeitete zunächst in der örtlichen Molkerei und anschließend – wohl aufgrund der besseren Verdienstmöglichkeiten – in der Zuckerfabrik in Altfelde.
1940 starb mein Großvater bei einem Arbeitsunfall in eben dieser Fabrik. Er wurde auf dem Friedhof in Pr. Rosengart beigesetzt und meine Großmutter war von einem Tag auf den anderen eine Witwe mit drei Kindern (eins davon mittlerweile erwachsen), mitten im Krieg.
Im Januar 1945 begab sie sich auf die Flucht, auf dem Treckwagen von Bauer Heinrichs (siehe dazu seinen Bericht Erinnerungen), dem die Familie Lau – Mutter und Kinder – zugeteilt war. Der Wagen schaffte es nur wenige hundert Meter in Richtung der Straße Thiergart – Grunau, dort waren bereits russische Truppen. Man musste umkehren – zurück zum Hof Heinrichs.
Dort kamen am nächsten Morgen die ersten russischen Soldaten auf den Hof.
Eine Monate dauernde Leidensgeschichte mit Plünderungen, Vergewaltigung, kurzfristiger Verschleppung und ständiger Todesangst begann. Hunger und Krankheit kamen hinzu und bald kamen erste polnische Umsiedler nach Pr. Rosengart.
Familie Lau siedelte im Frühjahr 1946 nach Baumgarth über, der älteste Bruder (Onkel Hermann) war nach missglückter Flucht nach dort zurückgekehrt.
Dort fand man, damals ein Glück, Arbeit und damit Essen auf einer frühen russischen Kolchose. Später erneuter Umzug auf die Melkerei Jankendorf mit Arbeit (und Überleben) für alle drei. Hans wurde mit 13 Jahren bereits als Gespannführer, Gerd mit 9 Jahren zum Viehhüten eingeteilt.
Im November 1946 erfolgte schließlich die offizielle Ausweisung. Nach tagelanger Fahrt kam ein erster Aufenthalt im Lager Kirchmöser/Havel, dann ein harter Winter in Briest, Sachsen-Anhalt. Mit Hilfe des ältesten Sohnes Paul reiste die Familie im Frühjahr 1947 "schwarz" über die Zonengrenze nach Niedersachsen zur Schwester und Tante. In Niedersachsen begann dann der Neuanfang, wortwörtlich bei Null, denn aus der alten Heimat hatte man rein gar nichts retten können: keinen Hausrat, keine Papiere, keinen Ehering, keine Erinnerungsfotos (das hier abgebildete Foto stammt aus dem Besitz von Verwandten). Die Familie lebte entwurzelt in einem für sie fremden Land – alle Erinnerungen waren in unerreichbarer Ferne zurückgeblieben.
Die Neuorientierung gelang dann einigermaßen gut – hilfreich war sicherlich auch die Tatsache, dass die Familie Lau auch in Ostpreußen nicht unbedingt wohlhabend war.
Meine Großmutter hat in der ‘neuen Heimat’ nicht wieder geheiratet und sie ist auch niemals mehr an die Plätze ihrer (mehr bis weniger glücklichen) Vergangenheit zurückgekehrt, hat ihr Geburtshaus oder die Gräber ihrer Verwandten nie mehr gesehen; für mich ein sehr merkwürdiges und bedrückendes Gefühl.
Im letzten Jahr habe ich dann erfahren, dass man über das Standesamt in Berlin Geburtsurkunden aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nachträglich beantragen kann – allerdings sind längst nicht alle Register und Jahrgänge erhalten.
Doch ich hatte Glück und so gelangte ich schließlich an Urkunden, von denen jeder in der Familie glaubte, dass sie verloren waren: die Geburtsurkunden meines Vaters, meines Großvaters und meiner Großmutter und sogar die Heiratsurkunde der beiden…ich denke, dies hätte meine Oma gefreut.


Bildverweis aus dem Dokument
BILDER: Hochzeit10101931 / GeburkundeElisabeth
Abschließend noch ein Gedicht, das ihr am Herzen lag; zugegeben, es ist ein bißchen kitschig, spiegelt aber gleichzeitig ihre protestantische Frömmigkeit und den damaligen Zeitgeschmack wider:
Stehst Du einst verlassen,
einsam und betrübt,
kannst Du nicht umfassen,
was Du einst geliebt,
ist der Himmel trübe,
saust und braust der Wind:
denk an Gottes Liebe,
denk Du bist sein Kind.