1976, 31 Jahre nach der Flucht betrat ich Preußisch Rosengart und jetzt sind schon wieder 39 Jahre vergangen…
Damals als ich am späten Nachmittag in Pr. Rosengart ankam, waren meine Gefühle sehr angespannt.
Wer lebt jetzt hier? Und wie kommt man miteinander ins Gespräch? Um mich erkennen zu geben, hatte ich das Bild meiner Großeltern Pauls mitgenommen.
Am Haus angekommen, ging ich vorsichtig die ausgetretenen Stufen der kleinen Laube empor und traf dort auf eine freundliche ältere Dame, die Deutsch sprach. Diese lebte jetzt mit ihrer Familie, mit der ich mich leider nicht verständigen konnte, in diesem Haus. Sie erkannte meine Großeltern sofort und sagte, sie habe hier gearbeitet.
Danach führte sie mich durch das Haus und öffnete einen alten Schrank, der noch aus unserer Familie stammte. Der Schrank war ein massiver Bauernschrank, der ohne Nägel – nur mit Keilen – zusammengehalten wurde. Und in ihm befand sich das unten stehende Gedicht, das einer meiner Vorfahren verfasste.
Da ich erkannte, dass das Gedicht nicht zu entfernen war, ohne es zu beschädigen, nahm ich meinen Fotoapparat und machte einige Bilder, in der Hoffnung, dass eines davon schon gut werden würde.
Den damals dort lebenden Menschen und ihrem Respekt vor der Vergangenheit ist es zu verdanken, dass das Gedicht erhalten geblieben ist…man kann es kaum glauben, 40 Jahre nach dem schrecklichen Krieg. Das Haus selbst war in einem schlechten Zustand; die Zimmer, die dem Hof zugewandt waren, hatte man zugemauert, weil es dort einregnete. Aber von der Freundlichkeit der Menschen war ich sehr beeindruckt.
Auf die Frage nach meinem Großvater erzählte mir die ältere Frau, man habe ihn damals im Schlafzimmer tot aufgefunden und an seinem Lieblingsplatz beerdigt. Ich konnte mich noch gut an das Plätzchen erinnern – eine kleine einfache Holzbank mit Blick in die Wiesen, ein kleiner Stichgraben führte um die Bank. Man konnte von dort die Zufahrt des Hofes sehen und die kleine Feldbahn.
Gute zehn Jahre später ist meine Schwester Doris Pauls zusammen mit meiner Cousine Regine nach Pr. Rosengart gereist. Zwischenzeitlich war aber die Familie mit dem Schrank ausgezogen. Die beiden konnten aber gottseidank den Schrank ausfindig machen – und den Leuten abkaufen.
Schließlich wurde der Schrank aus dem selbstgezogenen Kirschkern mit dem Gedicht meiner Tante Margot Neumann (der Schwester meines Vaters) zum 80. Geburtstag geschenkt.

Bildverweis aus dem Dokument
BILDER: SchrankPaulsInschrift
Das Holz zu diesem Spinde,
Zog ich mir aus dem Kern.
Ein Gut für Kindeskinder
Soll’s sein, wenn ich bin fern.
Wenn die Besitzer sterben,
Soll man es nur vererben
Und niemals stellen feil zum Kauf.
Anno 1818 entsproß das Holz der Erde
Und wuchs bis dreiundfünfzig,
Ohn’ Mühe und Beschwerde.
Da fällt den Baum man nieder,
zersägte seine Glieder,
und Raetke* macht den Spind daraus.
Prs. Rosengart, den 26sten März 1855
Herrmann Pauls
(*Raetke war der örtliche Schreinermeister)